Pressebericht/ Weihnachtskonzert 2009
"Die Volkstümliche Weihnachts-Gala"

Schaumburger Zeitung
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RINTELN
Wenn Josef will, fällt Weihnachten diesmal aus
Rinteln (wm). Viereinhalb Stunden Volksmusik für knapp unter 40 Euro, das ist ein guter Kurs. Drei Stunden waren angekündigt, und so ist der Brückentorsaal am Sonntagnachmittag so gut wie ausgebucht - mit drei Gruppen von Menschen, darf man dem Geflüster in den Stuhlreihen entnehmen, bevor es losgeht: Leute, die Volksmusik von Herzen lieben, solche, die einfach mal TV-Stars live erleben wollen, und Leute, die an diesem Nachmittag nichts Besonderes vorhatten.

Peter Petrel zieht draußen vor der Tür schnell noch an einer Zigarette, Peter Feller, Veranstalter und Organisator der Tour zieht Bilanz. Es läuft, Isselbüren war schon ausgebucht, die anderen Städte fallen ihm auf die Schnelle nicht gleich ein, jetzt ist Rinteln dran - bis einen Tag vor Heiligabend ist die Truppe noch unterwegs von Gala zu Gala - ein harter Job.

Zwar geigt das große Orchester Play-back, doch singen müssen die Volkssänger auf der Bühne selbst. Überlebensgroß zeigt eine Videoaufzeichnung ihr Porträt auf der Leinwand. Und Petrel hält schon mal demonstrativ das Mikrophon auf Armlänge weg, damit auch die letzte Reihe noch mitkriegt, wie gut der einstige Jazzer noch bei Stimme ist.

Die Zuhörer sitzen wie in einer Theatervorstellung aufgereiht, Ellbogen an Ellbogen, es gibt keine Tische, damit weder Glühwein noch Gebäck, dafür trompeten die Geschwister Wendling redlich, um den Saal in Weihnachtsstimmung zu bringen: "Singen sie doch mit und wenn sie den Text nicht kennen, la, la, la tut es auch."

Es war das Lied des weinseligen Spätheimkehrers, der nach einer durchzechten Nacht mit Freunden gen Heimat taumelt und darüber nachdenkt, wie er seine seit Stunden wartende Ehefrau besänftigen könnte, eben mit "Herzilein", das die Wildecker Herzbuben berühmt gemacht hat. Und selbstverständlich gibt das Duo den Hit im Brückentorsaal zum Besten - der Applaus will nicht enden.

Jeder kennt sie, auch wenn er nicht gerade ein Fan der Schunkel-Branche ist: Wolfgang Schwalm und Wilfried Gliem. Die beiden allein waren den Eintritt schon wert. Ein Heavy-Folk-Duo, das sogar Motorjournalisten für ihre Test heranziehen: "Hüftumfänge wie bei den Wildecker Herzbuben toleriert der Honda nicht." Wohl wahr, einen Honda werden die beiden wohl auch kaum chauffieren.

Wer der Tageszeitung "Die Welt" eine Meldung wert ist, nur weil er nach einem Auftritt in Hamburg in einem Fahrstuhl feststeckt, darf sich getrost zu den Superstars zählen. Die pfundigen Wildecker, so heißt ihr Heimatort, stehen zu ihrem Markenzeichen und haben konsequenterweise ein Kochbuch veröffentlicht. Wer allerdings Ostfriesentorte für eine Diät hält, sollte die Lektüre wechseln.

Gesang und Gewicht passen glänzend zusammen, das wussten auch Luciano Pavarotti, die Callas und Enrico Caruso. Wobei die Wildecker zwar kaum mit ihren Texten, aber sicherlich mit ihren Stimmen auf jeder Opernbühne dieser Welt eine gute Figur machen würden.

Es sind ohnehin alles Schwergewichte, die an diesem Sonntagnachmittag die Statik der Brückentorbühne einem Brutaltest unterziehen wie Moderator Jan Wilhelm, der "schwingende Doppelzentner" und schönste Bauer Ostfrieslands. 800 Witze habe er im Laufe seiner Rundfunksendung schon erzählt und weil Weihnachten ist, darf auch das Brückentorpublikum mitlachen: Wahl im Himmel, alle stimmen für die CDU, nur einer für die SPD. Es outet sich der Zimmermann Josef, der prompt von Petrus gerüffelt wird, der mit der Ausweisung von Wolke 7 droht, sollte Josef seinen Stimmzettel nicht ändern. Da ruft Josef seine Marie: Los komm, wir gehen und nimmt das Kind mit, dann fällt Weihnachten eben dieses Jahr aus.

Der Nachmittag schreitet voran, das Publikum kommt in Stimmung, anscheinend ganz ohne Glühwein, na gut, den gibt es hinterher auf dem Rintelner Weihnachtsmarkt. Sonderapplaus für die heimische Truppe, die Weserspatzen, dann werden Taschentücher gezückt. Volksmusik, erlebt man ganz unmittelbar, ist ein Produkt, das sich glänzend verkauft. Volksmusik befriedigt ganz offensichtlich ein Bedürfnis nach Harmonie und eingängigen Melodien - wenn dazu im Hintergrund auf der Leinwand das Matterhorn grüßt - und das nicht nur im 60-Plus-Lager.

Die Profis auf der Brückentorbühne wissen sicher längst, dass nichts tödlicher in der Branche wäre, als Volksmusik neu erfinden zu wollen, Volksmusik als Gegenpol zu ständig wechselnden Musikmoden - stattdessen Werte, wie in Stein gemeißelt.

Die Zuhörer haben an diesem Nachmittag - schöner die Glocken nie klingen, leise rieselt der Schnee - keinen Zweifel daran, auch der liebe Gott wird Volksmusik mögen. Wem da nicht warm ums Herz wird, sitzt in der falschen Reihe. Und was heißt hier Kitsch? Haben Sie schon mal den Text von manchem englischen Popsongs übersetzt?

Zum Schluss das große Finale: Das Oberkrainer Sextett stößt in die Hörner, die Sänger jubeln und Weihnachten ist da - na gut, ein paar Tage zu früh, aber was soll's. Diese Illusion schaffen wir an diesem Nachmittag locker auch noch.


Eine Bildergalerie findet sich im Internet auf schaumburger-zeitung.de, Lokales, Bildergalerie.

Quelle: Schaumburger Zeitung vom 14.12.2009